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Zum Brauch der Kräuterweihe
an Mariä Himmelfahrt

Bei der Kräutersegnung handelt es sich um einen Brauch, der bis in graue Vorzeit hineinreicht und durchaus noch vorchristliche Wurzeln hat. Zu allen Zeiten haben die Menschen das Bedürfnis verspürt, Gott - unter welchen Gestalten sie ihn auch immer verehrten - dafür zu danken, dass er ihnen mit den Kräutern der Felder, Wiesen und Wälder Mittel gegen die vielen bedrohlichen Krankheiten gegeben hatte. Gleichzeitig versuchte man, mit dem Segen der Gottheiten die heilende Kraft der Kräuter, von der man durchaus magische Vorstellungen hatte, zu stärken. Dies taten zum Beispiel auch die alten Germanen, die die einzelnen Heilkräuter unter den besonderen Schutz von bestimmten Göttern stellten. Diese Bedürfnisse nahm die Kirche, als sie den Heiden im frühen Mittelalter das Wort Gottes verkündete und sie zum christlichen Glauben bekehrte, durchaus ernst. Anstatt die Bräuche, die sich um die Heilkräuter rankten, einfach als Teufelswerk zu beseitigen, gab man ihnen eine neue, christliche Form: Es entstand die Segnung der Kräuter am Tag des Festes Mariä Himmelfahrt, am 15. August, also in der Zeit, in der viele der wichtigsten Heilkräuter gesammelt wurden. Die vom Priester gesegneten und in den Häusern aufbewahrten Kräuter wurden zur Abwehr von Krankheiten oder bedrohlichen Situationen wie Unwettern benutzt - etwa, indem man Kräutersträuße bei Gewittern verbrannte, so dass der würzige Rauch das ganze Haus durchzog und man dabei darum betete, dass der Blitz nicht in das Haus einschlagen möge.

Das Fest Mariä Himmelfahrt und der Brauch der Kräutersegnung wurden durch fromme Legenden miteinander verbunden. So erzählte man sich, dass, als die Gottesmutter gestorben war und die Apostel das Grab drei Tage später besuchten, sie das Grab leer auffanden - Maria war mit Seele und Leib in den Himmel aufgenommen worden -, aber doch angefüllt mit Rosen und Lilien, und dass die Umgebung erfüllt war mit dem Duft von vielen dort wachsenden Heilkräutern. Eher ist aber wahrscheinlich, dass die jahreszeitlich bedingte Getreidereife und Hochblüte der Natur in Erinnerung brachten, dass Maria traditionell als "Blume des Feldes und Lilie in den Tälern" (Hoheslied 2, 1) verehrt und seit dem 5. Jahrhundert als "guter und heiliger Acker" benannt wurde, der eine göttliche Ernte brachte, woraus sich die Darstellung Mariens im Ährenkleid entwickelte.

Dass der Brauch der Kräutersegnung bei uns in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden war, dürfte vor allem daran liegen, dass für die modernen Menschen die Heilkräuter nicht mehr so wichtig waren wie für ihre Vorfahren. Immerhin hat die Medizin uns eine Fülle von wirkungsvollen Medikamenten beschert, die die Heilkräuter überflüssig zu machen schienen. In den letzten Jahren jedoch war der Glaube an die Überlegenheit der modernen Medikamente mehr und mehr ins Wanken geraten, ebenso wie der gesamte Glaube daran, dass mit Naturwissenschaft und Technik alle Probleme der Menschheit in den Griff zu bekommen seien. Zunehmend erkennen wir die Grenzen, die der menschlichen Wissenschaft gesetzt sind. Dies hat zu einer Rückbesinnung auch auf die Kräfte der Heilkräuter geführt. Man bevorzugt bei Medikamenten solche Präparate, die natürliche Substanzen, wie sie auch in Heilkräutern vorkommen, enthalten. Bücher, die sich mit Heilkräutern und ihrer Anwendung beschäftigen, finden regen Absatz. Allenthalben werden von Bildungseinrichtungen Kurse über das Heilen mit Kräutern angeboten. Natürlich sollte man nun nicht in das Gegenteil dessen verfallen, was man in den vergangenen Jahrzehnten geglaubt hat, und sich nur noch auf Kräuter zu verlassen. Dies könnte natürlich böse Folgen für die Gesundheit haben. Doch ist es sicherlich sinnvoll, die modernen Medikamente durch Heilkräuter zu ergänzen und zu unterstützen.

Im Zeichen einer wiedergefundenen Wertschätzung von Heilkräutern macht es durchaus Sinn, den Brauch der Kräutersegnung wieder zu pflegen; dies freilich ohne die magischen Vorstellungen unserer Vorfahren - zur Abwehr von Blitzschlag ist ein Blitzableiter sinnvoller als das Verbrennen von Kräutern. Wenn die Kräuter im Festgottesdienst von Mariä Himmelfahrt gesegnet werden, so soll dies der Dank an Gott für die Kräuter mit ihren heilenden Kräften sein, die als Sinnbilder stehen für das gesamte Heil, das Gott uns schenkt, und auch als Dank an Maria, die ja, indem sie sich dafür entschieden hat, die Mutter Gottes zu werden, dem Heil in der Person von Jesus Christus den Weg in unsere irdische Welt bereitet hat.

Die Symbolhandlung - mit Gottes Hilfe die Kräfte der Natur zu Gunsten von Mensch und Tier einzusetzen - bezog auch die Anzahl und die Auswahl der Kräuter ein. Ihre Anzahl war nicht gleichgültig, sondern betrug - landschaftlich und zeitlich unterschiedlich - zwischen sieben oder 99 Kräutern: sieben (als die alte heilige Zahl) oder neun (also drei mal drei) waren normal, aber auch zwölf oder 24, 72 oder gar 99 sind bekannt.

Welche Pflanzen gehören nun in ein Kräuterbündel? Auf jeden Fall gehört der Beifuß in den Kräuterstrauß. Daneben sind Johanniskraut, Rainfarn, Schafgarbe, Kamille und Donnerkraut zu nennen, doch können auch Wegwarte, Seifenkraut, Pfefferminze, Königskerze, Beinwell, Spitzwegerich, Tausendgüldenkraut, Wermut, Eisenkraut, Thymian, Baldrian, Odermennig, Schöllkraut sowie Feldblumen und Ähren hinzugefügt werden. Hier gibt es keine strenge Begrenzung.

 

  (Text zusammengestellt nach: www.heimatfreunde-roisdorf.de und M. Becker-Hubert: Mariä Himmelfahrt.)

 

 

 

Ein weiterer Text, Auszug aus den Pfarrnachrichten Nr. 3078 vom 12.08.2008

Über die Kräuterweihe

Die Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt ist erstaunlich weit verbreitet. Viele andere Bräuche haben nur lokale Bedeutung. Das Verbreitungsgebiet der Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt erstreckt sich von den deutschen Alpen über fast ganz Europa.

Wie bei allen anderen Bräuchen gibt es natürlich auch bei der Kräuterweihe viele lokale Besonderheiten. Trotz aller Unterschiede war eines fast überall gleich:

Das gläubige Volk zog es vor, seinen "Würzwisch" in einer Klosterkirche weihen zu lassen, wenn diese nur irgendwie zu erreichen war. Unsere Vorfahren versprachen sich davon eine größere Weihekraft.

Aus welchen Kräutern ein "Würzwisch" bestand, unterschied sich von Region zu Region. Mittelpunkt eines jeden "Würzwischs" war und ist aber die Königskerze (auch Muttergotteskerze, Wetterkerze oder Himmelsbrand genannt).

Der "Kräuterbund" oder "Würzwisch" wurde getrocknet und an einen bestimmten Platz im Haus aufbewahrt zum Schutz vor Feuer und Blitz. Man legte ihn hinter die Viehkrippen im Stall, verbrannte ihn bei schweren Gewittern oder bereitete daraus im Krankheitsfall einen heilkräftigen Tee. Verschiedentlich vergrub man ihn auch im Saatfeld, in der Hoffnung auf eine gute Ernte.

Wenn man im Zeitalter der Automation und der Computer noch Bittgebete, Segnungen und Weihungen vornimmt, so zeigt sich darin der feste Glaube und das Wissen, dass der Mensch nicht einem blinden Schicksal verfallen ist, sondern dass es eine Macht gibt, die auch unsere Zeit wie alle anderen Zeiten in den Händen hält.

 

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